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MANFRED LOTTER. „MACHEN SIE EINFACH MAL DIE ROHRPOST AUS, UND WARTEN SIE AUF DAS ECHO“

Ein Krankenhaus ist ein Ort der Menschlichkeit. Und ein Ort der Technik. Modernste Ausstattung auf höchsten Niveau: Kernspin- und Computertomographen für Aufnahmen aus dem Inneren des Körpers, Linearbeschleuniger zur Bestrahlung von Tumoren, Überwachungs- und Beatmungsgeräte auf der Intensivstationen, Labortechnologie zur Analyse der Blutbestandteile. Und eine Technik, die schon mehr als 150 Jahre alt ist und bis heute ohne größere Veränderungen zum Einsatz kommt: Die Rohrpostanlage, eine der größten ihrer Art in Deutschland, ist im Klinikum Fulda seit 1975 im Einsatz und bis heute unersetzlich.

Sie erschließt selbstverständlich auch den Neubau. Denn schneller und kostengünstiger als mit den luftgeströmten Kunststoffbüchsen sind die weiten Wege für eilige Güter nicht zu bewältigen. Das kann Leben retten, wenn zum Beispiel Blut- und Gewebeproben nach spätestens vier Minuten von nahezu jedem Ort am Campus das Labor erreicht haben.

Mehr als 38 Jahre lang war Manfred Lotter im Klinikum Fulda der „Herr der Rohrpost“ Der gelernte Elektrotechniker kam 1978, nur zwei Jahre nach der Eröffnung des damaligen Klinikneubaus, ins Haus und war seither in der Zentralen Technik für Kommunikation verantwortlich. Er kümmerte sich um die Telefonanlagen, Sprechanlagen, Zentralrufanlagen, die Gebäudeleittechnik und eben auch um die Rohrpost, bis er 2017 in den Ruhestand ging. Vieles hat sich in vier Jahrzehnten verändert. Sprechanlagen wurden abgeschaltet, Telefonanlagen modernisiert und erweitert. 800 „Teilnehmer“ hatte die erste Telefonanlage im Neubau von 1976, 4500 hat die aktuelle. Auch die Rohrpost ist mit den Veränderungen gewachsen. 400 „Büchsen“, um Eilgut durch die Plexiglasrohre zu jagen, genügten zur Eröffnung des Klinikums an der Pacelliallee 4. Heute sind es 2500 Transportbehälter.

Funktionsprinzip hat sich bewährt

Doch das Prinzip der Rohrpost hat sich in all dem Wandel unverändert bewährt: Druckluft saugt oder presst Büchsen aus stabilem Kunststoff durch die Rohre. Die Büchsen haben einen Durchmesser von 100 Millimeter, sind 330 Millimeter lang und an beiden Enden konisch geformt. Ein Klettband an der Stelle mit dem größten Umfang erleichtert das Gleiten und dichtet die Büchse gegen das so genannte Fahrrohr ab, um Energie zu sparen. Die Druckluft soll die Büchse schließlich schieben oder ziehen und nicht daran vorbeipfeifen.

Energieeffizienz ist ein Thema

Früher stand die gesamte Anlage über 24 Stunden am Tag unter Druck. Heute erzeugen viele kleine Ventilatoren nur dort und dann Druckluft, wo sie benötigt wird. Der Druckverlust im System beträgt nur fünf Prozent. Das interessiert den Techniker und den Betriebswirt, nicht aber den Nutzer der Rohrpostanlage, der vor allen die einfache Bedienung und die Zuverlässigkeit schätzt.

Die 124 Sende- und Empfangsstationen gibt es am gesamten Campus, die jeweils in einem Schrank untergebracht sind. Der Absender gibt den Code für den Zielort auf einem Tastenfeld ein, und die Büchse, deren Start- und Zielpunkt ebenfalls codiert und gespeichert werden, zischt auf die Reise. Normale Sendungen werden mit 12 Meter in der Sekunde transportiert, das sind fast 50 Kilometer in der Stunde. Labortransporte reisen mit 4 Meter in der Sekunde, damit die Proben in den engen Kurven nicht zentrifugiert werden und sich Gewebe und Flüssigkeiten in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen.

Die Poststationen waren bisher 124 mit insgesamt 4,5 Kilometer Fahrrohr über drei Unterzentralen miteinander verbunden. Mit dem Neubau kommen 21 Poststationen mit ca. 1 Kilometer hinzu. Diese Unterzentralen funktionieren wie Kopfbahnhöfe: Dort enden mehrere Linien dicht an dicht in einer Überfahrteinrichtung. Die Büchse, die auf einer Linie eintrifft, verlässt das Rohr wie ein Reisender den Zug am Bahnsteig, und wird mit der Überfahreinrichtung, einem Transportsystem am Querbahnsteig des Kopfbahnhofs, zur nächsten Linie gebracht, um dort die Fahrt im Rohr einer anderen Linie fortzusetzen. In der größten Unterzentrale im Keller des Klinikums kommen jeweils neun Linien aus unterschiedlichen Richtungen an und verlaufen – verbunden durch die Überfahrteinrichtung – in neun andere Richtungen wieder ab.

Vier Minuten bis zum Ziel

Spätestens nach vier Minuten, meist aber viel schneller kommt die Büchse an der Empfangsstation an, wird automatisiert aus dem Fahrrohr ausgeleitet und fällt mit einem Poltern auf ein Dämmkissen im Empfangskorb, der unten im Schrank der Empfangsstation steht.  2300 Sendungen am Tag, 16.000 in der Woche, 64.000 im Monat und 770.000 im Jahr gingen bisher im Klinikum Fulda mit der Rohrpost auf Reisen, und mit der Inbetriebnahme des Neubaus werden es nicht weniger werden. „Der größte Nutzer ist mit der Hälfte der Sendungen das Labor, aber auch die Zentrale Notaufnahme sendet und empfängt jede Menge“, berichtet Manfred Lotter. Alle Büchsen fahren einzeln durch das Fahrrohr. Doch für das Labor bündelt die Anlage bis zu vier Büchsen, die gelb markiert sind, denn ihr Inhalt gilt als wichtig und ihr Transport als vorrangig. Hauptreisezeit in den Fahrrohren ist vormittags von 8 bis 12 Uhr.

Relevanz auch in digitalem Zeitalter ungebrochen

„Wir haben zwar angeblich das papierlose Büro“, blickt Manfred Lotter auf vier Dekaden Kommunikationsgeschichte im Klinikum zurück, „aber in der Rohrpost steckt, neben den Laborproben, hauptsächlich Papier: Dokumente und handschriftliche Äußerungen und Bekundungen von Patienten, Rechnungen zum Abzeichnen oder Kugelschreiber, die auch in digitalen Zeiten unverzichtbar sind.“ Aber manchmal stecken in der Rohrpost auch Schokolade oder eine Tüte Gummibären als Dankeschön an ein Pflegeteam auf der Intensivstation, das die Kollegen im Auftrag eines Patient weiter leiten, der auf eine „Normalstation“ verlegt werden konnte, weil es ihm wieder besser geht, oder ein Wäschestück, das beim Umzug eines Patienten liegen geblieben ist.

Rohrpost schon immer sein Baby

Als es darum ging, auch den Neubau des INO-Zentrums anzubinden, hatte Peter Neidhardt, der Geschäftsbereichsleiter Bau & Technik, die entscheidende Idee: Für die Planung reaktivierte er 2018 Manfred Lotter aus der Rente, und der stürzte sich mit ganzem Engagement in die Arbeit. „Die Rohrpost war immer schon mein Baby und die Chance dabei mitzuhelfen es weiter wachsen zu sehen, konnte ich nicht ausschlagen“, sagt Manfred Lotter. Meist läuft technisch alles fehlerfrei. Der Betrieb der Rohrpost erfordert keine permanente Überwachung durch einen Techniker, und zur Wartung der Anlage gibt es rechnerisch eine halbe Stelle. „Der Kosten-Nutzen- Effekt ist nirgends so groß wie bei der Rohrpost“, vermutet Manfred Lotter. Im Neubau mit seinen 21 weiteren Sende- und Empfangsstationen investierte das Klinikum etwa 200.000 Euro in den Ausbau der Rohrpost. „Jede Rohrpostsendung spart unterm Strich mindestens einen
Euro“, rechnet Manfred Lotter überschlägig vor, „wenn Sie sich vorstellen, dass sonst jemand die weiten Wege zu Fuß zurücklegen müsste. Und“, fährt Lotter fort, „man merkt sofort wenn sie nicht funktioniert: Machen Sie einfach mal die Rohrpost aus, und warten Sie auf das Echo. Es wird nicht lange dauern.“

Modernisierung der Anlagen ein Glücksgriff

Anfang der 1990er Jahre wäre es fast soweit gewesen mit dem Abschalten. Die alte Steuerungstechnik – relaisgesteuert – war in die Jahre gekommen und die Störungen häuften sich. Die aufkommende Digitalisierung ließ die Rohrpost wie ein Relikt aus einer anderen Zeit erscheinen. Damals schlug Manfred Lotter vor, die klackenden Relais durch eine digitale Steuerung zu ersetzen. „Oh Lotter, wenn das nicht funktioniert, dann reißen sie uns den Kopf ab, haben die Kollegen mich damals gewarnt, aber es hat funktioniert und wird jetzt sogar im Neubau eingesetzt!“ Das gefällt Manfred Lotter, – bei aller Faszination für die neuen technischen Möglichkeiten: Ein bewährtes, 150 Jahre altes System im INO-Zentrum bestimmt die Höhe der Zeit. Auch Logistikplaner aus anderen Kliniken in Deutschland haben das mittlerweile erkannt. Das ausgeklügelte System im Klinikum Fulda ist so manchem eine Bildungsreise wert.

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