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Das zweite „jüngste Frühchen der Welt“ am Klinikum Fulda

Aktuelles
04.06.2020
Prof. Repp Frühchen Das Jüngste Frühchen Der Welt

Mädchen kam im März 2019 nach 21 Wochen und vier Tagen Schwangerschaft zur Welt und wird nun nach Hause entlassen


FULDA. Im Klinikum Fulda hat ein Frühchen überlebt, das nach 21 Wochen und 4 Tagen Schwangerschaft  geboren worden ist. Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen, bis das Kind zur Welt kommt. Melina gilt damit als eines der beiden jüngsten Frühchen der Welt, das überlebt hat. In diesen Tagen wird das Kind nach Hause entlassen.

Melina war am 5. März 2019 morgens nach einer Hausgeburt ins Klinikum Fulda eingeliefert worden und konnte am Mittwoch, den 22. April 2020, gut 13 Monate nach ihrer Geburt, nach Hause entlassen werden. Zusammen mit einem Kind, das 2014 ebenfalls nach 21 Wochen und vier Tagen Schwangerschaft in den USA zur Welt gekommen war, ist Melina damit das jüngste Frühchen der Welt, das überlebt hat. 2010 hatte das Klinikum Fulda schon dem Frühchen Frieda, das nach 21 Wochen und 5 Tagen Schwangerschaft zur Welt gekommen war, das Überleben ermöglicht. Frieda war damals – zusammen mit einem Kind aus Kanada – das jüngste Frühchen der Welt, das nach der Geburt überlebt hat.

Klinikum Fulda hat über Jahre eines der besten Perinatalzentren Deutschlands

„Das Perinatalzentrum Level 1 am Klinikum Fulda mit Prof. Dr. Reinald Repp als Chefarzt der Neonatologie (Versorgung der Frühgeborenen) zählt nach den Daten des IQTIG (Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen) schon über viele Jahre hinweg zu den besten Perinatalzentren Deutschlands“, erläutert Priv.-Doz. Dr. Thomas Menzel, Vorstandssprecher des Klinikums Fulda. Menzel weiter: „Bei der Überlebensrate ohne schwerwiegende Komplikationen belegt das Perinatalzentrum des Klinikums Fulda aktuell Platz 1 von den 211 Zentren dieser Art in Deutschland und bei der Überlebensrate (mit und ohne Komplikationen) Platz 2.“

Repp und sein Team entscheiden sich für das Leben

Melina war am 5. März morgens gegen 7:30 Uhr zusammen mit ihrem Zwillingsbruder eingeliefert worden. Der Rettungsdienst brachte die beiden Frühchen mit Sauerstoffversorgung und künstlicher Wärmeversorgung aus dem Umland ins Klinikum. „Es ist ein Wunder, dass so früh geborene Kinder überhaupt einen solchen Transport überleben“, sagt Repp. Während ihr Bruder schon in den ersten Stunden nach dem Eintreffen im Klinikum gestorben war, konnte Melina trotz aller Komplikationen überleben. Als Repp und sein Team sofort begannen, die Kinder zu versorgen, war ihnen noch gar nicht bewusst, dass sie so viel zu früh zur Welt gekommen waren. Das stellte sich erst später heraus. Frühchen, die vor der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, müssen nach den deutschen Leitlinien nicht lebenserhaltend behandelt werden. Repp und sein Team entschieden sich für das Leben.

„Melina wog deutlich weniger als 500 Gramm. Das ist wenig, aber auf einer Frühgeborenen-Intensivstation heutzutage nicht mehr außergewöhnlich. Viel kritischer für das Überleben ist die Unreife lebenswichtiger Organe aufgrund des extrem frühen Geburtstermins. Sie war genau 18 Wochen und 3 Tage zu früh zur Welt gekommen“, sagt Repp.

Zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft ist die Lunge noch nicht ausreichend entwickelt und die Kinder benötigen zusätzlichen Sauerstoff, der aber bei Frühchen die Augen schädigen kann. Es drohen in den ersten Tagen nach der Frühgeburt Hirnblutungen und der Tod durch Darmverschluss.

Frühchen brauchen Sauerstoff, aber der schadet den Augen

Bei Frühchen ist die Lunge noch nicht ausgereift. Die Lungenbläschen, die den Gasaustausch von verbrauchtem Kohlendioxid gegen frischen Sauerstoff ermöglichen, sind noch nicht ausgebildet. „Sie sehen aus wie Säckchen und noch nicht wie Himbeeren. Es fehlt ihnen damit an Oberfläche für den Gasaustausch und die Lungendurchblutung ist erschwert“, sagt Repp. Ferner sind die Zellen in diesem Alter noch nicht ausgebildet, die jenen Stoff (Surfactant) zur Verfügung stellen, der die Oberflächenspannung des Wassers in der Lunge löst. Die Lunge klebt zusammen wie feuchte Frischhaltefolie, wenn sie gefaltet wird. Surfactant wirkt wie Seife, die die Oberflächenspannung des Wassers löst, damit sich die nasse Folie entfalten lässt.

Melina wurde mit einer Hochfrequenzoszillation beatmet. „Das ist, wie wenn der Hund hechelt“, sagt Repp. Die Luft werde nicht in die Lunge gepumpt und ihr wieder entzogen, um die Lunge des Frühchens nicht mechanisch zu überdehnen, sondern mit der Hochfrequenzoszillation werde die Luftsäule durchgerüttelt und damit der Austausch von Sauerstoff gegen Kohlendioxid ermöglicht. Das Verfahren sei „eine unserer Spezialitäten“, sagt Repp.

Zustand des Kindes stabilisiert sich

Nach fünf Tagen Beatmung, erinnert sich Repp, wurde die Beatmung des Frühchens „schwieriger, was nicht ungewöhnlich ist, da die Lunge durch die Belastung, die eine Beatmung darstellt, Entzündungsreaktionen entwickelt“. Aber nach weiteren zwei Wochen sei der Sauerstoffbedarf in Melinas Atemluft gesunken und mit Hilfe der Kombination einer konventionellen Beatmung und der Hochfrequenzoszillation sei es gelungen, den Zustand des Kindes nach knapp vier Wochen zu stabilisieren.

Am 20. Mai, etwa elf Wochen nach der Geburt, wurde die invasive Beatmung beendet und durch eine nicht-invasive Atemhilfe ersetzt. Statt mit einem Tubus, der in die Lunge eingeführt wird (invasiv), wird der Patient mit einer Maske auf dem Gesicht oder einem Schlauch in der Nase beatmet.

Die Versorgung mit Sauerstoff ist für das Frühchen lebensnotwendig, geht aber mit großen Risiken für die Entwicklung der noch unreifen Augen einher. Extreme Frühgeborene leiden häufig an einer Retinopathie, einer Netzhauterkrankung, die bis zur Erblindung führen kann. Denn die lebensnotwendige Versorgung mit Sauerstoff kann in diesem Entwicklungsstadium des Kindes leicht zu einer Überversorgung jener Blutgefäße führen, die sich gerade erst im Auge entwickeln. Indem sie zu stark und unstrukturiert wachsen, zerstören sie das Auge. Melina erhielt ein Medikament und wurde augenärztlich behandelt.

„Wir haben alles getan, um die Vitalparameter im Toleranzbereich zu halten“

In den ersten Lebenstagen eines Frühchens, schildert Repp ein weiteres Risiko, können schwere Hirnblutungen auftreten und dann die gesamte lebenserhaltende Behandlung in Frage stellen. Normalerweise bilden sich bis zur 33. Schwangerschaftswoche noch sehr viele neue Blutgefäße im Gehirn. Bei einem Frühchen arbeiten die Regelkreise, die das Gehirn des Kindes vor Schädigungen durch Blutdruckschwankungen schützen, aber in den ersten Tagen nach Geburt noch nicht. „Wir haben also alles getan, um Blutdruck und Blutgaswerte stabil und alle Vitalparameter im mittleren Toleranzbereich zu halten“, sagt Repp. Etwa fünf Tage nach der Geburt sei diese Gefahr überstanden, weil sich die Schutzmechanismen des Gehirns entwickelt haben.

Sehr häufig kommt bei extrem Frühgeborenen die Darmbewegung nicht in Gang. Wenn das Mekonium, der erste schwarze Stuhl, der im Volksmund auch Kindspech genannt wird, im schlimmsten Falle nicht ausgeschieden wird, kann dies einen Darmverschluss verursachen und zum Tod führen. Ferner drohen schwere Entzündungen der Darmwand, Löcher im Darm und Bauchfellentzündungen. Fast jedes Dritte Extremfrühgeborene, berichtet Repp, stirbt an Darmerkrankungen. Muttermilch bringt die Darmtätigkeit in Gang und senkt die Wahrscheinlichkeit von Darm-Komplikationen um den Faktor drei. Melina hat ab dem zweiten Lebenstag Muttermilch erhalten und war im Alter von drei Wochen damit voll ernährbar.

Nach der ersten Woche war die besonders kritische Phase bewältigt

Die Frage, wann ein solches Kind über den Berg sei, sei immer schwer zu beantworten, räumt Repp ein: „Nach der ersten Woche war jedoch die besonders kritische Phase geschafft, und nach drei bis vier Monaten hatten wir die Hoffnung, dass sie durchkommen wird. Im August hatte sich ihre Lage stabilisiert. Mit Hilfe der nicht-invasiven Atemunterstützung hat sich in diesem Zeitraum der Sauerstoffbedarf langsam reduzieren lassen auf jetzt phasenweise Raumluft. Der immer noch phasenweise benötigte zusätzliche Sauerstoffbedarf ist eine typische langfristige Folge der extremen Frühgeburt. Die Lunge wird durch die zum Überleben notwendige Belastung – durch chronische Entzündungsprozesse und die Störung der normalen Differenzierung – geschädigt. Glücklicherweise besteht bei Melina eine gute Lungendurchblutung. Damit sehen wir langfristig eine gute Prognose, da die Lunge noch bis zum sechsten Lebensjahr neue Lungenbläschen bilden kann, und wir hoffen, dass Melina in ein paar Monaten ganz ohne Atemunterstützung und ohne zusätzlichen Sauerstoff auskommen wird.  Vom Sprechen her ist Melina früh dran. Mama und Papa sagt sie schon. Da sie korrigiert um die Monate, die sie zu früh zur Welt kam, erst neun Monate alt ist, ist das ein sehr gutes Zeichen.“

Repp weiß um die Relativität des Erfolgs

Repp sagt, er wisse um die „Relativität“ der Erfolge des Perinatalzentrums Level 1 am Klinikum Fulda. Es sei einerseits schon ein Wunder gewesen, dass die Frühchen lebend mit dem Rettungswagen ankamen vor gut einem Jahr. Melina sei in den letzten 10 Jahren schon das zweite weltweit extremste Frühgeborene, das im Perinatalzentrum in Fulda behandelt wurde, sagt Repp: „Wir wussten Anfangs nicht genau, um wie viele Wochen und Tage Melina zu früh zur Welt gekommen war. Da ihre Eltern sie nach der Hausgeburt mit dem Rettungsdienst in die Neonatologie nach Fulda verlegen ließen und sich dafür aussprachen, dass wir alles unternehmen, haben wir Melina und ihren Bruder beatmet. Aufgrund der Behandlungserfolge der letzten 10 Jahre konnten wir mit Zuversicht in unserem außerordentlich engagierten Team alle lebenserhaltenden Maßnahmen durchführen. Wir versuchen die medizinischen Möglichkeiten mit dem Mut, sich zum Leben zu bekennen, zu verbinden.“

 

Zitat der Eltern:

„Herzlicher Dank für die Entscheidung, unserer Tochter eine Chance zu geben“

„Wir wollen uns beim gesamten Team der Station H 21 und bei allen, die am Überleben und Genesen unserer Tochter mitgewirkt haben, ganz herzlich bedanken. Was dort, auf einer solchen Station, tagtäglich geleistet wird, das ist wirklich keine Selbstverständlichkeit. Die Menschen, die auf dieser Station arbeiten, haben es ermöglicht, dass unsere Tochter ins Leben kam. Wir bewundern den Mut und erkennen an, dass das Team die Entscheidung getroffen hat, unserer Tochter eine Chance zu geben. Über vierzehn Monate, die unser Kind im Klinikum Fulda war, hat uns das Team zur Seite gestanden. Jede und jeder einzelne dort hat uns Hoffnung geschenkt – Tag für Tag.

Unser herzlicher Dank gilt auch dem Rettungsdienst, der so schnell gekommen ist.

Über mehr als ein Jahr sind wir nun täglich zum Klinikum nach Fulda gependelt. Wir wollten doch auch eine Beziehung zu unserer Tochter aufbauen. Auch unter den Bedingungen einer Intensivstation für Frühchen.

„Es war für uns nicht einfach, und wir waren manchmal nicht einfach“

Wir danken den Schwestern für ihre Geduld mit uns, denn wir waren in einer außergewöhnlichen Situation. Es war für uns nicht einfach, und wir waren manchmal nicht einfach.

Überhaupt war so ein Klinikbetrieb für uns völliges Neuland. Wir wertschätzen jetzt die Arbeit der Ärzte und der Pflege ganz anders. Wir haben zum ersten Mal gesehen und erlebt, was vom Personal dort im Alltag, zu jeder Stunde und Minute, alles erwartet wird. Immer wieder den Mut aufzubringen, Entscheidungen zu treffen. Und wir haben natürlich auch miterlebt, dass nicht immer alles so gut laufen kann wie bei unserer Tochter. Dann trauert das Personal auch auf einer solchen Station und schafft es dennoch, den Eltern Hoffnung zu geben. Das ist wirklich der Wahnsinn, was wir dort erlebt haben.

Und am Morgen nach der ersten kurzen Nacht zu Hause mit unserer Tochter ist es das strahlende Lächeln der Kleinen, das uns für so vieles entschädigt.“

 

Zitat von Oberarzt Dr. med. Christian Weber
Kinderarzt, Neonatologe
Oberarzt Kinderklinik, H21
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Fulda gAG

 „Unser Erfolg ist immer eine Teamleistung“

„Ich bin Oberarzt und seit neun Jahren zuständig für die Frühchenintensivstation. Die Situation am 5. März 2019 war eine ganz besondere. Es gab Alarm durch den Rettungsdienst. Um 7:10 Uhr kam die telefonische Information, und um 7:30 Uhr waren die Kinder da. Die Tatsache, dass solch extreme Frühchen außerhalb einer Klinik zur Welt kommen, ist schon sehr ungewöhnlich. Und dass sie lebend in der Klinik ankommen, nachdem der Notarzt sie nur abwechselnd beatmen konnte im Rettungswagen, das ist äußerst ungewöhnlich. Die Kinder galten aufgrund ihrer frühen Geburt und ihres geringen Gewichts als nicht lebensfähig. Aber nun hatten sie es ja schon über 30 Minuten geschafft, am Leben zu sein! Zudem konnten wir zum Zeitpunkt des Eintreffens in unserer Klinik das genaue Schwangerschaftsalter nicht wissen, weswegen wir uns erstmal für eine lebenserhaltende Behandlung der Kinder entschieden haben.

Wir waren zusätzlich zu den Stationsärzten und der Pflege zwei Oberärzte an dem Morgen, und wir nahmen uns jeder eines der Kinder an. Das ist dann schon eine Herausforderung an einem Morgen, an dem man nichts Besonderes erwartet. Es war Glück, dass wir um diese Uhrzeit gleich die volle Manpower an Bord hatten. Aber auch nachts hätten wir alle Kräfte mobilisiert.

Die ersten Minuten sind entscheidend

Zunächst sind die ersten Minuten für solche Frühchen entscheidend, und dann die ersten fünf Lebenstage, in denen die Gefahr von Hirnblutungen groß ist. Jeder noch so kleine Fehler kann eine Hirnblutung auslösen.

Unser Erfolg ist immer eine Teamleistung, die wir vor allem gemeinsam mit der Pflege erbringen. In Fällen wie jenem von Melina haben wir in der Pflege eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Eine Schwester ist in einer Schicht für ein Kind zuständig. Das ist eine belastende Aufgabe. Wir als Ärzte haben den Überblick über die gesamte Station, aber auf dieser einen Schwester lastet die große und ganze Aufgabe, das Kind zu überwachen und alle Informationen zu filtern, damit sie weiß, wann sie Kollegen oder den Arzt zu Hilfe holen muss. Die Pflege steht wirklich an der Front. Wir haben auf der Station immerhin bis zu vierzehn Beatmungsplätze, bis zu neun Plätze mit Atemhilfe und zehn Plätze ohne Atemhilfe.

Die Kinder lösen häufig Alarme aus, es ist laut und hupt und blinkt, und die Beatmungsmaschinen rattern. Gleichwohl muss die Schwester alle Geräte im Blick behalten, und sie muss sich trotz der vielen Geräusche bemerkbar machen können, wenn sie Hilfe benötigt. Die Schwestern helfen sich untereinander. Sie wissen, was die Kollegin braucht. Dann arbeiten auch mal schnell vier oder mehr Personen an einem Kind. Die Angehörigen aller Berufsgruppen helfen sich gegenseitig.

Ich habe in all den Jahren schon viele Situationen erlebt, in denen wir alle intuitiv richtig gehandelt haben. Dennoch möchte ich diejenigen Patienten nicht unerwähnt lassen, denen wir trotz maximalem Engagement und hoffentlich auch richtigem Handeln nicht haben helfen können. Diese Kinder, wie auch Melinas Bruder, und ihre Familien, bleiben dem gesamten Team immer in besonderer Erinnerung.

Schließlich gibt es auch immer wieder neue Situationen, die wir noch nicht kennen, und dann ist es unser großes Glück, dass wir unseren Chefarzt, Prof. Dr. Repp haben. Der hat neben einem außergewöhnlichen manuellen Geschick immer noch mehr Erfahrung und Intuition als wir. Er sieht kommende Komplikationen häufig schon aus seiner reichen Erfahrung voraus. Wir alle wissen sein Können und seine Leistung zu schätzen, auch wenn er beides am liebsten hinter seiner Bescheidenheit versteckt.“

 

Zitat von Frau Krimm-Schätz
Stationsleitung Station H21
Kinderintensiv-und Frühgeborenenstation
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Fulda gAG

  „Eine absolute Notfallsituation voller Wunder“

 „Am 5. März 2019 wurde uns eine Hausgeburt von Zwillingen in der 22. Schwangerschaftswoche angekündigt. So etwas hatte ich noch nicht erlebt in meiner langen Berufszeit. Das war der neonatalogische Super-GAU. Allein schon, dass wir als Notfallteam bei der Geburt der Kinder nicht dabei waren. Aber es war eben eine absolute Notsituation voller Wunder. Dass es der Notarzt im Rettungswagen geschafft hatte, beide Kinder abwechselnd zu beatmen, war ein Wunder. Und dass beide Kinder so deutliche Lebenszeichen zeigten, so dass wir wussten, wir werden sie auch versorgen. Natürlich hatten wir für die Kinder, bevor sie eintrafen, alles penibel vorbereitet in einem rasenden Tempo. Mit einer kleinen Intensiveinheit haben wir die Kinder auf unsere Station geholt. In solchen Situationen geht alles Hand in Hand, da sitzt jeder Griff. Jeder kennt den anderen und weiß, wie er arbeitet. Professionell und routiniert. Wir müssen uns im Team, Ärzte und Pflege, blind aufeinander verlassen können. Ohne Worte.

Melinas Brüderchen ist leider am ersten Tag noch verstorben. Das muss dann auch noch getragen werden vom Team. Und da sind all die anderen Patienten auf der Station, die wir versorgen wollen. Das muss man alles koordinieren können. Dafür sind wir die gelernten Profis – in der Pflege mit einer zweijährigen Weiterbildung als Kinderintensivfachpfleger nach der dreijährigen Ausbildung in der Pflege mit Staatsexamen.

Unser Beruf hier auf der Station ist so besonders. Wir haben keine Fluktuation im Team, – weil wir so gut harmonieren und weil alles, was wir erleben, so bereichernd ist. Wir haben medizinisches, handwerkliches, technisches und psychologisches Know-how. Wir lernen die Familien kennen, deren Kinder wir versorgen. Wir helfen den Eltern, eine Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, wenn die Kinder im Inkubator liegen in physischer Trennung von den Eltern. Wir leisten entwicklungsfördernde familienzentrierte Betreuung. Vater, Mutter und Kind sind für uns eine Einheit, und die wird von uns betreut.

 „Es ist eine echte Berufung, der man folgt“

Bei allen, die am Menschen arbeiten, ist die Begeisterung dafür nötig. Es ist eine echte Berufung, der man folgt, wenn man in diesem hochengagierten Team arbeitet.

Mit Milena und ihren Eltern haben wir lange auf die Entlassung hingearbeitet, um herauszufinden, wie das Kind zu Hause am besten versorgt werden kann. Das gelingt nur interdisziplinär mit Ärzten, Pflege, Medizintechnikern, dem ambulanten Pflegedienst und der Mutter, die in die Pflege eingewiesen ist. Wir haben das Ziel, dass die Kinder möglichst stabil nach Hause gehen. Und später kommen uns die Familien immer mal wieder besuchen. Es ist toll, wenn man sieht, was aus einer so kleinen Hand voll Mensch dann geworden ist. Es ist bezaubernd, dafür zu arbeiten.“

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