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Priv.-Doz. Dr. Thomas Menzel im Interview mit der Ärzte Zeitung.

Aktuelles
16.12.2019
Menzel 05

„Intelligenz und Innovation in Kliniken werden bestraft“

Bei den Krankenhäusern steigt der wirtschaftliche Druck im Kessel, das hat der 42. Krankenhaustag gezeigt. Wo die wichtigsten Konfliktlinien mit der Politik liegen und wie ambulant und stationär besser zusammenarbeiten könnten, erläutert Dr. Thomas Menzel, Vorstand des Klinikums Fulda im Interview.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Menzel, in einer Bertelsmann-Studie wurde im Sommer postuliert, die Zahl der Plankrankenhäuser müsse deutlich sinken. Wie steht es in Ihrer Region? Ist ein Maximalversorger wie das Klinikum Fulda „safe“, wenn es zu einer Strukturbereinigung kommt?

Dr. Thomas Menzel: Wir sind als Maximalversorger mit rund 1000 Betten mit Abstand das größte Haus in der Region Osthessen und für die Versorgung essenziell. Neben uns gibt es in Osthessen noch einen Schwerpunktversorger, eine Handvoll Häuser der Grund-und Regelversorgung und einige spezialisierte
Fachkliniken. Eine Strukturbereinigung des stationären Sektors im Sinne einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung mit weniger Krankenhäusern ist auch unserer Sicht durchaus sinnvoll und notwendig. Nur der Weg dorthin ist strittig.

Ärzte Zeitung: An welcher Stelle ecken Sie da bei der Politik an?

Menzel: Derzeit scheint die Bundesregierung die Anpassung der Strukturen über wirtschaftlichen Druck erreichen zu wollen, beispielsweise über die Personaluntergrenzen, die den Wettbewerb um Pflegepersonal verschärfen und die Kosten in die Höhe treiben. Eine strukturierte, vernünftige Planung ist nicht erkennbar. Dabei wird als Kollateralschaden in Kauf genommen, dass auch Säulen der Daseinsvorsorge wie die großen kommunalen Krankenhäuser in die Knie gehen.

Ärzte Zeitung: Wie ist das zu verstehen? Sind kommunale Häuser wie Ihres besonders gefährdet?

Menzel: Große kommunale Krankenhäuser – wie sie in der Arbeitsgemeinschaft Kommunaler Großkrankenhäuser (AKG) organisiert sind – sind systemrelevant. In vielen Regionen sind sie das Rückgrat der Gesundheitsversorgung und damit der Daseinsvorsorge. Ich bin wahrlich nicht larmoyant. Aber die seit
langem unzureichende Investitionsfinanzierung durch die Bundesländer sowie die unzureichende Refinanzierung der Tarifsteigerungen sind wirtschaftlich belastend.

Die Wirtschaftlichkeitsreserven, die das DRG-System offengelegt hat, sind weitgehend gehoben, während die Krankenhäuser die Lücken unzureichender ambulanter Versorgungsstrukturen ohne adäquate Kompensation füllen. Wir in Fulda haben uns diesen Herausforderungen übrigens mit Erfolg gestellt. Nun
kommt hinzu, dass erbrachte Leistungen in einem drastisch steigenden Maß nicht bezahlt werden und der bereits bestehende Pflegekräftemangel durch Pflegepersonaluntergrenzen weiter verschärft wird.

Ärzte Zeitung: Woran macht sich das konkret fest?

Menzel: Beispielsweise werden allein dem Klinikum Fulda durch die Rechnungsprüfungen der Krankenkassen mehr als 20 Millionen Euro vorenthalten. Das belastet die Liquidität erheblich. 90 Prozent davon betreffen vermeintliche primäre oder sekundäre Fehlbelegungen. Damit werden konkret erbrachte
Leistungen ins Ermessen einer retrospektiven Prüfung gestellt. Das ist intellektuell unredlich. Denn hinterher bin ich bekanntlich immer schlauer.

Ärzte Zeitung: Was ist mit dem Dauerthema Investitionskosten?

Menzel: Die jährliche „Investitionslücke“ in deutschen Kliniken liegt pro Jahr bei etwa drei Milliarden Euro, auch wenn einige Bundesländer – wie beispielsweise Hessen – die Fördermittel erhöht haben. Doch das reicht bei weitem nicht. Krankenhäuser müssen im laufenden Geschäft Überschüsse erzielen, um die Infrastruktur erhalten zu können.

Der Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge ist eine Systemveränderung, denn verantwortlich für die Daseinsvorsorge – in unserem Fall für die Gesundheitsversorgung – ist der Staat und letztlich die Kommunen. Hier geht es um kritische Infrastruktur. Es ist geradezu gefährlich, die kommunalen
Versorgungsstrukturen derart zu schwächen.

Die Diskussion zum Klimapaket zeigt allerdings, dass große Schritte möglich sind. Der Deutschen Bahn sollen dabei erhebliche staatliche Mittel zufließen. Auch im Gesundheitswesen sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir einen großen Schritt brauchen.

Ärzte Zeitung: Sie haben gerade für 70 Millionen Euro ein nagelneues Intensiv-, Notfall- und OP-Zentrum (INO) von Land, Kreis und Stadt finanziert bekommen, kann man da von Rückzug des Staates sprechen?

Menzel: Ich differenziere durchaus. Unser INO-Zentrum ist ein Meilenstein für eine Spitzenmedizin auf universitärem Niveau in unserem Klinikum. Wir sind dem Land Hessen dankbar für die Förderung in Höhe von fast 55 Millionen Euro. Es ist allerdings nicht die einzige Großbaustelle bei uns. Wir sanieren das
Haupthaus, investieren Millionen in die Medizintechnik und in die Ausbildung.

Auch wir sind gezwungen, Überschüsse aus den DRG zu erwirtschaften, um diese Investitionen aus eigener Kraft stemmen zu können. Und das ist uns bisher gelungen. Obwohl das ja eigentlich nicht rechtskonform ist, denn Investitionsfinanzierung durch das Krankenhaus ist im Rahmen der dualen Finanzierung gar nicht vorgesehen. Dennoch: Die Knappheit der Mittel ist uns Ansporn und nutzt allen, denn das Streben nach Effizienz verbessert die Qualität der Prozesse.

Ärzte Zeitung: Auf der anderen Seite wird Ihnen bald jeder Euro für Pflegepersonal bezahlt. Entlastet Sie das nicht auch?

Menzel: Nicht unbedingt. Es ist komplexer. Zwar soll jede Stelle finanziert werden, aber es gibt die benötigten Pflegekräfte gar nicht. Bis zu 200 0000 Pflegekräfte – so die Schätzungen – fehlen, davon mehr als 20.000 in den Krankenhäusern. Das ist ja auch nichts Neues. Deshalb haben wir bisher versucht, den
Mangel über einen Skill-Mix auf den Stationen durch einen qualifikationsgerechten Personaleinsatz zu kompensieren. Nicht-examiniertes Personal erbringt Serviceleistungen wie die Essenausgabe, den Transportdienst oder entlastet die Pflege als Stationsassistenz.

Ärzte Zeitung: Was hat das mit den Untergrenzen zu tun?

Menzel: Die Pflegepersonaluntergrenzen lassen das nur in einem sehr eingeschränkten Umfang zu und verbieten es uns darüber hinaus, intern Pflegepersonal zu verschieben. Wir, ein fortschrittliches, innovatives Haus, das die Konsequenzen aus jenen Zwängen gezogen hat, die mit dem DRG-System in die stationäre
Versorgung eingezogen worden sind, müssen das Rad zurückdrehen. Ja, dort, wo wir es tatsächlich neu erfunden haben, müssen wir die Innovation sogar verwerfen. Intelligenz und Innovation werden bestraft.

In der Folge „schließen“ die Krankenhäuser zunehmend Betten. Das kann und wird zu Versorgungsengpässen führen. Die Grippewelle vor zwei Jahren hat gezeigt, dass die Kapazitätsgrenzen überraschend schnell erreicht werden. Damals haben wir Patienten aus dem Rhein-Main-Gebiet
übernommen, die dort nicht mehr versorgt werden konnten. Das wird künftig so nicht mehr so möglich sein. Nicht zuletzt auch, weil ein Krankenhaus, das Notfall-Patienten aufnimmt, obwohl die PpUG dadurch unterschritten wird, später dafür sanktioniert werden kann.

Ärzte Zeitung: Themawechsel: Sie nennen sich auch „Universitätsmedizin Marburg – Campus Fulda“. Spielt Ihr Engagement in der klinischen Ausbildung der Studenten auch dieses Thema an, nur auf Ärzteseite?

Menzel: Es besteht weitgehend Konsens, dass wir derzeit in Deutschland zu wenig ärztlichen Nachwuchs ausbilden. Da setzen wir gemeinsam mit der Universität Marburg an. Die hessische Landesregierung hat die notwendige Finanzierung im Koalitionsvertrag zugesagt. In den nächsten Jahren werden bis zu 500 Studierende unter der Ägide des Fachbereichs Medizin der Universität Marburg den klinischen Teil ihrer Ausbildung in Fulda absolvieren. Das bedeutet mehr Studienplätze in Hessen. Und natürlich erhoffen wir uns, dass die eine oder der andere sich nach dem Studium in Fulda dafür entscheidet, hier zu bleiben.

Ärzte Zeitung: Damit würden Sie auf lange Sicht mittelbar auch einen Beitrag zur ambulanten Versorgung der Region leisten, weil manche Klinikärzte sich später in der Nähe des Krankenhauses niederlassen. Wie ist denn Ihr Kontakt zu den ambulant tätigen Ärzten der Region? Teilweise hat man ja derzeit
das Gefühl, zwischen ambulantem und stationärem Sektor gehe es nicht gerade friedlich zu…

Menzel: Wir haben da unsere eigenen Erfahrungen gemacht. 2006 haben wir ein MVZ gegründet. Das ist damals bei den niedergelassenen Kollegen nicht gut angekommen und hat die Zusammenarbeit durchaus belastet. Seit einigen Jahren ist das anders. Wir sind aufeinander zugegangen und verstehen uns als
Partner in der Versorgung unserer gemeinsamen Patientinnen und Patienten. Denn die Sicherung der „Daseinsvorsorge-Säule Gesundheit“ geht nur gemeinsam.

Ärzte Zeitung: Wie ist denn bei Ihnen die gelebte Praxis in der Notfallversorgung? Sind die geplanten integrierten
Notfallzentren für Sie eine erstrebenswerte Position?

Menzel: Die INZ können wir abbilden, Pläne dazu haben wir in der Schublade. Wir warten jetzt ab, was aus dem aktuellen Gesetzentwurf zu den integrierten Notfallzentren wird. In unserer Notaufnahme betreuen wir derzeit 45 000 Fälle pro Jahr. Die Bereitschaftsdienstpraxis der KV ist direkt vor Ort, wir arbeiten quasi Wand an Wand, aber noch nicht vollkommen Hand in Hand, denn noch fehlt der gemeinsame Tresen. Aus unserer Sicht ist eine gemeinsame Versorgung nur dann sinnvoll, wenn sie durchgängig über 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erfolgt. Auch halten wir es für sinnvoll, wenn die INZ nicht in
Zwangsgemeinschaft, sondern in sinnvoller Abstimmung mit der KV geführt werden. Die Kooperation mit den niedergelassenen Partnern vor Ort ist zweifellos die beste Lösung.

Ärzte Zeitung: Sind Probleme in der Notfallversorgung nicht nur ein Symptom für das viel größere Thema der starren Sektorengrenzen zwischen ambulant und stationär, die verhindern, dass der Patient an der für ihn optimalen Stelle behandelt wird?

Menzel: Ja, klar. Es gibt viele Ansätze, wie sich die seit nun bald 100 Jahren bestehende Grenze schleifen ließe. Statt überall eine zweite Facharztschiene vorzuhalten, könnten wir effizientere Lösungen entwickeln. IV-Verträge können dabei ebenso Ansätze für eine bessere Steuerung der Patienten bieten wie auch die Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV).

Bei der ASV sind die bürokratischen Hürden leider sehr hoch aufgelegt. Bevor die Teams loslegen können, müssen erstmal Berge von Papier bewegt werden. Letztlich sind diese Kooperationsformen aber nur Zwischenlösungen. Die Einzelpraxis ist ein Auslaufmodell, der Trend geht hin zu den Medizinischen
Versorgungszentren. Dort stellt sich die Frage: Wer ist hier der Anker – Vertragsärzte, Krankenhäuser, die Landkreise oder sogar Private Equity? Da ist viel Geld unterwegs.

Ärzte Zeitung: A propos Geld: Was bedeutet eigentlich die Digitalisierung für ihr Haus?

Menzel: Sie kostet uns zunächst einmal Liquidität. Um die Sicherheitsinfrastruktur gemäß KRITIS (Kritische Infrastrukturen, Kliniken ab 30 000 Patienten im Jahr) aufzubauen, brauchen wir Fachpersonal, das wir aus eigener Tasche bezahlen. Hinzu kommen Investitionen in Hard- und Software. Auf der anderen Seite kann uns moderne IT von Routineaufgaben entlasten. Die künstliche Intelligenz wird zukünftig eine große Rolle spielen, beispielsweise in der Radiologie. Fördermittel sind in Aussicht gestellt. Wir würden uns allerdings eine schnellere Vergabe wünschen. Wenn die Bearbeitung eines Antrags zwei Jahre braucht, dann beantragen wir Mittel für eine Technik, die zum Zeitpunkt der Bewilligung gar nicht mehr aktuell ist. Wenn es nach uns ginge, wären wir schneller.

Ärzte Zeitung: Hat sich die Kommunikation mit den Zuweisern schon geändert?

Menzel: Nicht wirklich. Vor einigen Jahren haben wir schon einmal eine elektronische Befundübermittlung in die Praxen angeboten. Das Interesse war initial durchaus vorhanden, eine nachhaltige Umsetzung ist uns aber nicht gelungen. Da ist noch Luft nach oben.

Das Interview können Sie auch hier lesen.

Wir danken der Ärzte Zeitung für die Genehmigung zur Veröffentlichung des Interviews. 

(c) Ärzte Zeitung, Veröffentlichung am 22.11.2019

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